Atomkraft – vielleicht doch keine schlechte Idee für Deutschland?

Können die Atomkraftwerke in Deutschland wieder hochfahren?

In ganz Deutschland wurden Meiler heruntergefahren. Was passiert in Zukunft mit Ihnen? Credit: Bruno/Germany, Pixabay


Markus Söders Meinung zur Erhaltung der deutschen Atomkraft ist klar. Der Bund teilt diese Meinung zwar nicht, aber was wäre, wenn doch?

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Gehen wir davon aus, dass die Entscheidung einer Laufzeitverlängerung gefallen ist. Die Regierung begründet das mit einer möglichen Unabhängigkeit von Russland. Aber ist das möglich und kann Deutschland so unabhängig von Russland sein? „Technisch ist es grundsätzlich möglich“, das sagt zumindest Dr. Christoph Pistner, Bereichsleiter für Nukleartechnik und Anlagensicherheit im Öko-Institut. Grundsätzlich bedeutet: Es würde funktionieren, ist aber von ein paar Faktoren abhängig.


Erstens: Die Zeit

Kernkraftwerke spalten den Rohstoff Uran in sogenannten Brennelementen. So wird Strom erzeugt. Mit Blick auf die Abschaltung der Kraftwerke 2022 ist das Uran dort bald aufgebraucht. Das Problem: Diese Brennelemente gibt es so nicht auf dem Markt, so Pistner. Die Elemente sind hoch spezifisch und werden für die deutschen Reaktoren individuell gefertigt. Eine Fertigung dauert mindestens zwölf Monate. Erst dann könnten die Kraftwerke wieder Strom produzieren.


Ein Brennelement wie es sich in den Kraftwerken befindet. Credit: Wittkowsky / Wikimedia.org


„Es gibt aber noch andere Methoden, über die man nachdenken kann“, erklärt Uwe Stoll, Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit. Während der Wartezeit gäbe es zwei Methoden über den Abschalttermin am 31. Dezember hinaus, den kommenden Winter zu überbrücken.


Möglichkeit eins: Durch andere Arten der Stromerzeugung gibt es häufig einen Überschuss im deutschen Stromnetz. Die drei noch laufenden Atomkraftwerke könnten ihre Leistung sofort verringern, erklärt Stoll. Dadurch würde weniger Uran gespalten und man könnte etwa einen Monat länger Strom produzieren.


Die Kernenergie liefert in Deutschland nur einen kleinen Prozentsatz der Energie.


Möglichkeit zwei: Ein sogenannter Streckbetrieb. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Atomkraftwerke keine volle Leistung mehr bringen, könne man die Temperatur absenken. Dadurch wird die Dichte im Wasser größer. „Damit bremse ich die Neutronen, die Uran spalten ab. Ich produziere noch Strom, aber weniger" sagt Uwe Stoll. Das liefere weitere 80 bis 100 Tage Strom.


Bei der Spaltung verbindet sich Uran mit einem Neutron. Dabei zerfällt Uran zu Krypton und Barium. Es entstehen zwei bis drei Neutronen und Energie.


Diese zwei Möglichkeiten zusammen können also bis in den April deutschen Atomstrom liefern, auch ganz ohne neue Brennelemente.

Zweitens: Die Sicherheit

Um den jetzigen Sicherheitsstand der Kraftwerke festzustellen, müsste erst einmal eine sogenannte periodische Sicherheitsprüfung in den Kernkraftwerken stattfinden. Diese Prüfung fand in der Vergangenheit alle zehn Jahre statt. Mit Blick auf die kommende Abschaltung fiel die letzte Prüfung 2019 aus. Nun muss also eine Kontrolle zeigen, auf welchem Sicherheitsstand die Kraftwerke noch sind. Die Anforderungen müssten genau von der Politik definiert werden, so Pistner.


Und wie steht es um die Abhängigkeit von Russland?

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Wenn man nur die Atomkraft betrachtet, war Deutschland bislang abhängig von Russland. Russland ist ein großer Spieler bei der Uranbeschaffung. Andere führende Unternehmen sind in Kasachstan und China angesiedelt. Uran selbst hat nur etwa 0,7 Prozent spaltbares Material. Für die Stromgewinnung muss man es anreichern. Auch das haben bislang russische Firmen für die deutschen Kernkraftwerke übernommen. Eine Anreicherung in Deutschland ist zwar möglich, aber deutlich teurer, so Uwe Stoll.


Deutschland kann die Unabhängigkeit von Russland beim Atomstrom also schaffen, ganz Europa hingegen nicht. Die Brennelemente für die in Tschechien und der Slowakei stehenden VVER440-Kernkraftwerke, kommen ausschließlich aus Russland.


In der öffentlichen Debatte geht es ohnehin meist um etwas anders, nämlich vor allem um die Abhängigkeit vom russischen Gas. „Es steckt nur ein kleiner Prozentsatz des russischen Gases in der Stromproduktion“, so Pistner. Der größte Teil des Gases wird für Wärme und chemische Prozessenergie genutzt.