Deutschlands strahlende Zukunft: Die Suche nach einem Atommüll-Endlager

Aktualisiert: 19. Juni

Rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall, verpackt in 1.900 Castor-Behältern, werden nach Ende der Atomkraftnutzung oberirdisch in den 16 Deutschen Zwischenlagern verwahrt. Bis 2031 soll für diese Materialien ein Endlagerplatz in Deutschland gefunden werden. Doch wie wird überhaupt entschieden, wo das Endlager gebaut wird?

Blick auf die Anlage in Gorleben, die ehemals als Endlager für hochradioaktiven Atommüll geplant war.

Foto: Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH


Es war einer der größten Gesellschaftskonflikte der damaligen Zeit: 1977 verkündete der niedersächsische Ministerpräsident, dass im kleinen Ort Gorleben ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll entstehen soll. Diese Entscheidung stieß auf starken Widerstand in der Bevölkerung und führte zu großen Protestaktionen.


Der Deutsche Bundestag entschied 2013, die Endlagersuche komplett auf Anfang zu setzen. Diesmal sollte alles anders gemacht werden. Das neue Standortauswahlgesetz schreibt ein transparentes Verfahren vor. Dabei soll nach festgelegten wissenschaftlichen Kriterien ein Ort gefunden werden, an dem die hochradioaktiven Abfälle mindestens eine Million Jahre sicher verwahrt werden können.


„Die Öffentlichkeit hat per Gesetz die Möglichkeit, die Endlagersuche mitzugestalten“, erklärt Diana Feuerer, Pressesprecherin des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE).

90 Gebiete mit günstiger Geologie

„Zu Beginn der Endlagersuche standen wir vor einer weißen Landkarte. Wir haben für alle Gebiete die Daten neu ausgewertet“, so Sven Petersen, stellvertretender Pressesprecher der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Das bundeseigene Unternehmen hat die Aufgabe, geeignete Regionen vorzuschlagen. „In der ersten Phase haben wir die Gebiete nach Ausschlusskriterien, Mindestanforderungen und geologischen Abwägungskriterien eingegrenzt“, erklärt Petersen. Über eine Million Daten von Bundes- und Landesbehörden hat die BGE dazu ausgewertet. In einem ersten Zwischenbericht vom September 2020 konnten 90 Teilgebiete als Regionen mit günstigen geologischen Voraussetzungen ausgewiesen werden. Das sind etwa 54 Prozent der Fläche in Deutschland. Zeitgleich fand erstmals die im Standortauswahlgesetz festgelegte „Fachkonferenz Teilgebiete“ statt. Dort hatten Bürger die Möglichkeit, die vorgelegten Ergebnisse zu diskutieren, hinterfragen und Kritik zu äußern. Die Erkenntnisse wurden zusammengefasst und an die BGE übergeben.

Ein Überblick über die 90 geeigneten Teilgebiete in Deutschland

Grafik: Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH


Sicherheitsuntersuchungen und weitere Eingrenzung

In einem zweiten Schritt führt die BGE Sicherheitsuntersuchungen für alle Teilgebiete durch. Dafür wurde im Mai 2022 eine neue Methodik öffentlich auf dem Bürgerbeteiligungsformat „Forum Endlagersuche“ zur Diskussion gestellt. „Wenn in unseren weiteren Untersuchungen dann mehrere Gebiete geologisch gleichwertig sind, kommen auch planungswissenschaftliche Kriterien zum Einsatz, wie die Nähe zu Wohn- oder Naturschutzgebieten. Die Geologie geht jedoch immer vor, denn sie gewährleistet die größte Sicherheit“, beschreibt Petersen das weitere Vorgehen.


Der Ablauf der ersten Untersuchungsphase vereinfacht grafisch dargestellt.


Am Ende der ersten Phase sollen laut BGE etwa 20 Gebiete übrig bleiben. Dort finden in der zweiten Untersuchungsphase oberirdische Erkundungen und Datenerhebungen statt. Die Standortvorschläge gibt die BGE nach Abschluss jeder Phase an das BASE weiter. Als Aufsichtsbehörde überprüft dieses die Vorschläge. Außerdem kümmert sich das BASE um die Öffentlichkeitsbeteiligung. Die endgültige Entscheidung, welche Gebiete weiter untersucht werden, trifft jedoch der Bundestag.


„Gorleben raus, Atomkraft aus“

In den vorgeschlagenen Gebieten richtet das BASE am Ende der ersten Untersuchungsphase Regionalkonferenzen ein. Dort haben Bürger die Möglichkeit, sich weiter in den Entscheidungsprozess einzubringen. Sie erhalten wissenschaftliche Unterstützung, können Gutachten beantragen und die Ergebnisse der BGE vorstellen. Die Eingrenzung erfolgt schließlich auf mindestens zwei Gebiete. Diese werden in der dritten Phase unterirdisch erkundet. Laut Gesetz soll das finale Endlager 2031 feststehen.

Gorleben feiert im Rahmen der "Kulturellen Landpartie" im Juni 2022 das Aus des Standorts Gorleben als mögliches Endlager. Foto: Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH


Auch Gorleben wurde in die neue Endlagersuche mit einbezogen. Doch bereits im Zwischenbericht stufte die BGE die Geologie des Ortes als ungeeignet ein. Ein Aufatmen für die Bewohner, die seit Jahren gegen das Endlager ankämpfen. Doch Fakt ist, ein Endlagerplatz muss gefunden werden. Abschließend erklärt Feuerer: „Es ist klar, dass bei der Endlagersuche Meinungen und Interessen aufeinanderprallen. Im besten Fall entsteht aber genau dadurch Verständnis bei denjenigen, die am Ende die Last im Sinne des Gemeinwohls tragen müssen."


Weitere Informationen zum Thema Endlagersuche:


von Josefine Kasten